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Frühlingsfest am Platz
Seit nunmehr zehn Jahren gibt es das PLATZprojekt in Hannover und das hat eine ganze Menge mit unserem Büro zu tun – eigentlich mehr als alle anderen Projekte auf unserer Liste. Denn die Entstehung des PLATZprojekts ist nicht nur eng mit der Entstehung von Endboss verknüpft, es zeigt bis heute sehr gut auf, woher wir kommen, wofür wir immer noch stehen und mit welcher Haltung wir uns an unsere Arbeit machen.
Das PLATZprojekt ist ein Ort für Ideen, für die es sonst in der Stadt keinen Platz gibt. Es ist ein selbstorganisiertes Gebiet, das auf der Nutzung einer Industriebrachfläche mit Schiffscontainern und anderen temporären Bauten basiert. Die Grundidee ist es, kostengünstig Platz und Infrastruktur für Unternehmungen zur Verfügung zu stellen, die unter normalen Bedingungen in der Stadt nicht umsetzbar wären und somit nebenbei auch den Bedarf für solche Flächen im städtischen Kontext aufzuzeigen. Mittlerweile wurden knapp 50 Ideen auf dem PLATZprojekt umgesetzt, einige davon sogar ausgezeichnet und preisgekrönt für ihren Ideenreichtum, Innovationspotenzial und kreatives Unternehmer:innentum. Schon seit einigen Jahren ist das Projekt über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und gilt auf nationaler und internationaler Ebene als Best Practice Beispiel für informelle und experimentelle Stadtentwicklung.
Den Grundstein für dieses Projekt haben wir damals, in Form eines Antrags beim BBSR für deren damalige Projektförderung „Jugend.Stadt.Labor.“, gelegt, auf genau die gleiche Art und Weise, wie wir auch heute noch bevorzugt arbeiten – mit einer Haltung, die wir als „kooperativen Widerstand“ bezeichnen. Und um das zu erklären, muss man die Geschichte erzählen, wie das PLATZprojekt eigentlich zu Stande gekommen ist.
Die Geschichte des PLATZprojekts kann nicht ohne die Geschichte des 2er-Skateparks erzählt werden (und umgekehrt). Bevor das PLATZprojekt entstand, entstand der 2er – heute einer der größten DIY-Skateparks in Europa – und zwar zunächst mal illegal. Nachdem schlechte politische Entscheidungen dazu geführt haben, dass eigentlich überall in der Innenstadt das Skaten verboten wurde (R.I.P., Innenstadt – we knew it back then…), brauchten wir einen anderen Ort dafür. Zu der Zeit kursierte gerade ein Video von Pontus Alv in der Szene, das gezeigt hat, dass man seine eigenen Betonrampen einfach in einer Pfütze anmischen kann. Das Einzige, was man braucht, ist ein Sack Zement…
Also haben wir uns auf die Suche nach einer Fläche gemacht, bei der wir das ausprobieren können und sind recht schnell bei einer Brachfläche im Lindener Hafern fündig geworden. Da haben wir einfach den Zaun aufgebrochen und losgelegt. Das ging für kurze Zeit gut und dann kam irgendwann ein Bagger und hat alles, was wir gebaut haben, wieder dem Erdboden gleichgemacht. Davon haben wir uns aber nicht entmutigen lassen und das gleiche einfach nochmal gebaut, nur das wir diesmal ein Video von unserer Aktion gemacht haben, mit dem wir uns bei der damaligen Eigentümerin des Grundstücks – eine große europäische Supermarktkette – vorgestellt haben. Und siehe da, wir hatten Glück: der zuständige Asset-Manager war zufälligerweise früher selber Skater und hat uns erlaubt, dass wir das Grundstück weiternutzen, unter der Bedingung, dass wir aus haftungstechnischen Gründen, einen Verein gründen. Damit war der 2er geboren und er besteht nicht nur bis heute, sondern ist in den letzten über zehn Jahren um ein Vielfaches gewachsen, wächst noch weiter in die Zukunft und hat für lange Zeit die Lücke geschlossen, welche die Stadt mit ihrer schlechten Planungspolitik verursacht hat. In Hannover gab es jetzt wieder einen Ort zum Skaten, und zwar einen, den man bald in ganz Europa kannte.
Mit dieser Erfahrung im Gepäck, haben wir knapp ein Jahr später, ein Blick auf die Nachbarfläche geworfen, die der gleichen Eigentümerin gehörte und ebenfalls ungenutzt brach lag. Wir haben überlegt, dass das was wir mit dem Skatepark erlebt haben, wahrscheinlich auch auf andere Aspekte in der Stadt übertragbar ist und dass es gut wäre, wenn auch andere Leute in ganz anderen Kontexten die Möglichkeit hätten, sich auf eine ähnliche Art und Weise auszuprobieren.
Das passte gut zusammen mit dem damaligen Förderprogramm „Jugend.Stadt.Labor“ des BBSR und deshalb haben wir da einen Antrag hingeschickt. Dieser Antrag hatte eine Besonderheit, auf die wir auch heute in unseren Projekten noch gerne bestehen – er war ergebnisoffen. Die Felder, in denen man beschreiben sollte, für was wann genau wieviel Geld ausgegeben werden soll, haben wir offengelassen. Stattdessen haben wir argumentiert, dass wir den Freiraum brauchen, dass nicht im Vorfeld zu entscheiden, weil wir wollen, dass möglichst viele Leute, auch im Verlauf des Projekts noch einsteigen und mitlenken und -entscheiden können. Es ist bis heute unsere Überzeugung, dass noch kein Ergebnis besser geworden ist, weil man es vorher in einen Antrag oder in ein Konzeptpapier geschrieben hat. Wenn man stattdessen ergebnisoffen bleibt, sich ganz auf den Prozess konzentriert und Emergenz zulässt, wird man oft von den eigenen Ideen überrascht, die auf diese Art und Weise zu anders zum Tragen kommen und ganz andere Erfahrungen und Ergebnisse ermöglichen.
Mit unserem Antrag konnten wir überzeugen und haben eine Förderung bekommen, mit der wir die grundliegende Infrastruktur, also Wasser, Strom, Toiletten hergestellt und einen ersten Überseecontainer als Gemeinschaftsraum angeschafft haben. Schnell kamen andere Container mit Ideen dazu, die sonst in der Stadt keinen Platz hatten – denn das war die grundsätzliche Idee: PLATZ für Ideen, für die es sonst in der Stadt keinen Platz gibt. Mittlerweile hat das Projekt mehrere hundert Mitglieder und wurde zuletzt 2021 von der Wüstenrotstiftung als „Gebauter Ort für Demokratie und Teilhabe“ ausgezeichnet.
Wir selbst haben uns schon früh, kurz nachdem die Infrastruktur für das Projekt und eine größere, sich-selbst-organisierende Gruppe entstanden war, aus dem Vorstand des Vereins zurückgezogen, um Platz zu machen für andere Leute mit anderen Ideen. Damit wollten wir vermeiden, dass sich eine Gründungshierarchie und „Platzhirschverhalten“ einschleichen, was man leider oft bei solchen Projekten beobachten kann. Über die Jahre waren wir stattdessen lieber Komplizin und „critical friend“, haben uns punktuell mit ins Programm eingebracht und standen, wenn gewünscht, mit Rat und Tat zur Seite. Dafür, dass das Projekt weitergewachsen ist und sich auch inhaltliche immer weiter entwickelt hat, haben andere Leute gesorgt.
Als die Stadt Hannover, die das Projekt all die Jahre wohlwollend begleitet hat, nach ungefähr acht Jahren signalisiert hat, das Grundstück kaufen zu wollen, um das PLATZprojekt und den 2er als Projekte zu sichern, sind wir als Architekturbüro wieder richtig aktiv geworden. All die Jahre hatte die Eigentümerin die Flächen für die beiden Projekte zwar netterweise umsonst überlassen, allerdings immer nur mit einem sechsmonatigen Pachtvertrag mit Option auf Verlängerung. Als die Eigentümerin das Grundstück dann verkaufen wollte, hat sich durch die Kaufabsicht der Stadt das erste Mal eine wirklich längerfristige Perspektive für beide Projekte eröffnet. Dafür war aber eine Due-Dilligence-Prüfung nötig und es war klar, dass das Projekt jetzt baurechtlich ordentlich aufgestellt werden musste. Bis dahin wurde das Projekt „informell gedultet“, jetzt musste eine Baugenehmigung her und ein Architekturbüro und Statiker:innen, die sich zutrauten, diesen kreativen Wildwuchs zu formal genehmigen zu lassen. Nachdem mehrere Büros abgesagt und wenig Aussicht auf Erfolg gestellt haben und die Stadt ihrerseits schon den Vorschlag gemacht hatte, alles einmal ab und dann von Neuem und offiziell wieder aufzubauen, haben wir uns an die Arbeit gemacht. Und es ist uns gelungen. Zusammen mit dem Statiker Dirk Tritthard, haben wir es geschafft, dem PLATZprojekt mittels einer Bauanzeige mit zahlreichen Abweichungsanträgen plus Sicherheits- und Brandschutzkonzept, in die baurechtliche Legalität zu verhelfen. Damit das auch in Zukunft so bleibt und um es auch anderen Menschen und Projekten leichter zu machen, die vielleicht ähnliches Planen, haben wir unser im Prozess erlangtes Wissen über informelles Bauen im kleinen Regelwerk „How-to-PLATZprojekt“ zusammengefasst.
Das PLATZprojekt dient uns bis heute auch für uns selbst und unsere Arbeit als Best-Practice. Es ist der Beweis, dass unter den richtigen Rahmenbedingungen, räumliche und soziale Lücken auch von der Stadtgesellschaft selbst geschlossen werden können und dass das Spaß macht und dass mehr, als man selbst dabei wächst. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir die öffentliche Hand ihrer Daseinsvorsorgepflicht entlasten wollen. Wir wollen vielmehr aufzeigen, dass Verantwortungsbewusstsein und -übernahme zu größerem Wachstum führt, als das verharren in der Konsument:innenposition. Dafür müssen allerdings die Rahmenbedingungen stimmen oder geschaffen werden – und daran arbeiten wir gern!