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Luftbild von Adelsheim
Im Sommer 2022 wurden wir von einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg gefragt, ob wir ihnen helfen könnten, einen sogenannten Masterplan für die Transformation ihrer Innenstadt zu schreiben. In der Gemeinde leben ca. 5000 Menschen, die sich Sorgen um die drohende Verödung ihrer Innenstadt machten. Gemeinsam mit ihnen sollten unterschiedliche Strategien und Perspektiven entwickelt werden, die dabei helfen, die Innenstadt ein kleines bisschen zukunftsfähiger zu machen. Gesagt getan: Um zu einem möglichst nachhaltigen und realistisch umsetzbaren Ergebnis zu kommen, haben wir unsere Mission in drei Phasen geteilt.
Zunächst einmal ging es darum, die Stadt kennenzulernen und die Herausforderungen und Bedarfe möglichst adäquat zu analysieren. Um das sicher zu stellen, haben wir uns eine besondere Strategie überlegt – das Prinzip der verdeckten Entwicklung:
Der Bürgermeister, als unser Komplize, hat uns geholfen an unterschiedlichen Schlüsselorten in der Stadt „Undercover-Praktika“ zu organisieren. Für zwei Wochen waren wir vor Ort und haben erstmal verdeckt im Freibad, im einzigen Eiscafé der Stadt, im Rathaus und beim Aufbau eines Kulturfestivals verbracht. Untergebracht waren wir in dieser Zeit bei Gastfamilien, die eingeweiht waren in unseren Plan. Ansonsten wollten wir der Stadt und ihren Bewohner:innen aber erstmal ohne ersichtliche Agenda und Mission begegnen, um ein tatsächliches Gefühl für den Alltag und die Problemstellungen und Potenziale vor Ort zu entwickeln. Nachdem wir dann, natürlich abgesprochen, auf dem alljährlichen Volksfest offiziell vom Bürgermeister enttarnt und unsere Arbeit angekündigt wurde, haben wir angefangen, mit Schlüsselakteur:innen vor Ort, die wir bis dahin identifizieren konnten, ein Programm für Phase zwei zu entwickeln: die Was-Wäre-Wenn-Woche.
In der Was-Wäre-Wenn-Woche, haben wir – gemeinsam mit lokalen Akteur:innen – Dinge in die Innenstadt inszeniert und improvisiert die es bisher noch nicht gab in der Stadt, die sich aber dringend gewünscht wurden, wie zum Beispiel eine innerstädtische Schulbuslinie, um den morgendlichen Verkehr zu entlasten, einen Begegnungsort in der Kirche als dritter Ort, gemeinsam mit der Stadtbibliothek, ein Jugenddiskussionsforum und – als besonderes Highlight – ein Pop-Up-Restaurant auf einem zentralen Parkplatz, in dem an drei Abenden ganz unterschiedliche Gerichte von Adelsheimer:innen selbst gekocht und verköstigt wurde. In und um unseren Doppeldeckerbus ist damit ein kooperatives Testlabor entstanden für Ideen und deren Potenzial zu einer längerfristigen Umsetzung entstanden. Zusätzlich haben wir den Innenstadtbereich, um den es geht, mittels einer performativen Intervention mit Kreidefarbe in ein riesiges Grids verwandelt – ein Skizzenpapier, das für einige Wochen angezeigt hat, um welchen Zukunftsraum es eigentlich geht. Bei dieser Aktion sind wir zusätzlich mit Leuten ins Gespräch gekommen und konnten noch jenseits der aktiv-partizipativen Aktionen am Bus, auf das Projekt aufmerksam machen.
Die Erkenntnisse und Ergebnisse aus dieser intensiven Woche haben wir im Anschluss zusammengetragen und zu möglichen Zielen, damit verbundenen Maßnahmen und potenziellen Pilotprojekten vorformuliert und in einem Bürger:innenforum, nochmal gemeinsam mit den Einwohner:innen vor Ort überprüft und reflektiert.
Das finale Ergebnis haben wir dann redaktionell aufgearbeitet und in einem gut verständlichen Handbuch, als Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Transformation zusammengefasst. Und damit dieser Plan tatsächlich auch eine realistische Chance hat, in die Tat umgesetzt zu werden und nicht, wie so viele „Masterpläne“, „Zukunftsstrategien“ und „Visionspapiere“ in irgendeiner Verwaltungsschublade zu landen, haben wir das finale Ergebnis redaktionell zu einem gut-verständlichen und inspirierenden Handbuch aufbereitet. Diese Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Transformation wurde, mit Unterstützung des Bürgermeisters und Gemeinderats, an alle Haushalte in der Stadt verteilt und kommt, nach unserem Kenntnisstand, bis heute zum Einsatz. Wir sind froh, dass es viele der Ideen, die in diesem Prozess entstanden sind, aktuell tatsächlich ihren Weg in die Umsetzung und damit in die aktuelle und zukünftige Realität geschafft haben.