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Die neue Intendantin der Theaterformen, Anna Mülter, kam auf uns zu, weil sie mit ihrem Festival einen glaubhaften Diskurs jenseits der klassischen Theaterräume, im Stadtraum und mit der Stadtgesellschaft zum Thema Klimagerechtigkeit anstoßen wollte. Dafür hat sie uns frühzeitig mit in ihr Team geholt und wir haben eineinhalb Jahre lang im engen Austausch und Prozess zusammen ausgehandelt, welcher Ort und welche Form wohl die geeignetste Intervention sein könnte, um dem Thema Klimagerechtigkeit und marginalisierten Perspektiven in der Stadt für den Zeitraum von knapp zwei Wochen einen angemessenen Platz einzuräumen. In partnerschaftlicher Zusammenarbeit haben wir gemeinsam mit den eingeladenen Künstler:innen eineinhalb Jahre lang in engen Austausch eine Idee entwickeln, die in Form und Funktion Bezug auf die Initiativen und Künstler:innen nimmt und weil zum Klimagerechtigkeitsdiskurs auch die Themen Barrierefreiheit und Wege zu einer inklusiveren Stadt gehören, haben wir gesagt, dass wir auf jeden Fall einen Raum für das Stadtlabor öffnen wollen, der sonst nicht zugänglich ist.
Die vierspurige Hochstraße hinter dem Hauptbahnhof in einer Höhe von 6 m kann als Verkehrsknotenpunkt bezeichnet werden, ein anschauliches Beispiel für ein städtebauliches, überdimensioniertes Desaster auf allen Ebenen aus dem Zeitalter der autogerechten Stadt - bisher für Niemanden außer für Autos vorgesehen und zugänglich. Diesen, für alle Besucher*innen in gleichermaßen unzugänglichen Ort zu öffnen und zu bespielen, war für uns ein logischer Schritt, mit dem wir zusammen mit dem Team des Festivals die Verwaltung überzeugen konnten. Für drei Wochen wurde diese Hauptverkehrsader für den Autoverkehr komplett gesperrt (was für viel Aufregung und Aufmerksamkeit gesorgt hat) Damit wurde die Brücke nicht nur zu einer neuen Form des Festivalzentrums, sondern auch zur öffentlichen Terrasse.
Da sich Menschen die marginalisierten Gruppen angehören oft „unsichtbar“ fühlen, ihre Perspektive auf die Welt „ungesehen“ scheint und es bei dem Festival ja genau darum gehen sollte, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen, haben wir uns entschieden mittels gigantischer Spiegel einen Teil der Stadt verschwinden zu lassen, um Aufmerksamkeit auf das Projekt zu lenken. Die szenografische und narrative Kraft des Theaters sollte – im Zusammenspiel mit dieser architektonischen Intervention – kurzfristig einen Ort erzeugen, der Raum für künstlerische und aktivistische Auseinandersetzung bietet und dadurch einen Dialog mit der lokalen Stadtgesellschaft erzeugen kann, der auf mehreren Ebenen im „geschlossenen“ Raum des Theaters in dieser Form und Intensität nicht möglich ist.
Mithilfe einer räumlich-künstlerischen Intervention wurde so eine Disruption im städtischen Alltag erzeugt, welche die zentralen Themen und Perspektiven des Festival Theaterformen beleuchten, aus dem Theater heraus in den öffentlichen Raum und damit auch in die öffentliche Wahrnehmung gebracht hat. Kern des Entwurfs ist ein nahtlos verspiegelter Riegel aus Gerüstbauelementen. Das Bauwerk kragt an beiden Seiten einer Hochstraße über die Brücke hinaus - so entsteht der Anschein, ein Teil der Brücke würde fehlen. Ein klar monofunktional programmierter Stadtraum wurde temporär angeeignet und umgedeutet.
Die Brücke wurde so zu einem gigantischen städtischen Freiraum, den sich die Stadtgesellschaft für 11 Tage aneignen konnte, besonders die Konfrontation (Man kann in Hannover den Bürgerinnen nichts mehr in den Weg legen, als auf dieser Brücke) hat tatsächlich einen Dialog mit der lokalen Stadtgesellschaft erzeugt, der auf mehreren Ebenen im „geschlossenen“ Raum des Theaters in dieser Form und Intensität niemals möglich gewesen wäre. So wurde nicht nur kurze Aufmerksamkeit, sondern in der ganzen Stadt eine Diskussion um Klimagerechtigkeit und die gesellschaftliche Rolle der Kunst entzündet und so ein länger anhaltendes Bewusstsein für marginalisierte Perspektiven geschaffen.
Diese „auffällige Unsichtbarkeit“ des Entwurfs sollte die Aufmerksamkeit auf die Themen des Festivals lenken. Und tatsächlich: Während des Festivals war die Sperrung der Brücke DAS Thema in der Stadt, egal in welchem Café man in dieser Zeit gesessen hat, egal welche Zeitung man aufgeschlagen hat – überall in Hannover wurde diskutiert und gestritten, ob die Kunst diese Maßnahme nun rechtfertigt oder nicht. (Wir haben es sogar auf die Titelseite der Bildzeitung „geschafft“! Wann hat das ein architektonischer Eingriff in Hannover das letze mal erreicht?) Die szenografische und narrative Kraft des Theaters – im Zusammenspiel mit dieser architektonischen Intervention – hat so kurzfristig einen Ort erzeugt, der nicht nur Raum für künstlerische und aktivistische Auseinandersetzung bietet sondern besonders durch die Konfrontation (Man kann in Hannover den Bürgerinnen wohl nichts mehr in den Weg legen, als auf dieser Brücke) wirklich einen Dialog mit der lokalen Stadtgesellschaft erzeugt, der auf mehreren Ebenen im „geschlossenen“ Raum des Theaters in dieser Form und Intensität niemals möglich gewesen wäre. So haben wir nicht nur kurze Aufmerksamkeit, sondern ein länger anhaltendes Bewusstsein für marginalisierte Perspektiven geschaffen.
Theater soll für alle Menschen zugänglich und ein Teil der Gesellschaft sein. Deshalb ist es besonders, wenn ein Theaterfestival so präsent im öffentlichen Raum stattfindet und auch ganz tatsächlich Raum beansprucht, der sonst eine andere Funktion einnimmt, da es so auch Menschen erreicht, die sonst nicht mit Theater in Berührung kommen würden. Die Perspektive der Betrachtenden wird durch den Einsatz der Spiegel nicht nur metaphorisch, sondern ganz tatsächlich verändert. Der Spiegeleffekt erzeugt einen optischen Bruch im Stadtgefüge und ist zugleich die architektonische Aufforderung zur Selbstreflektion.
Wir haben besonders gerne und intensiv mit Sophia Neises und Noa Winter zusammengearbeitet, die uns und das Festival zum Thema Barrierefreiheit beraten haben. So ist beispielsweise ein taktiles Wegeleitsystem und Lagepläne mit Brailleschrift entstanden.