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Künstlerische Konzeption, St. Pölten, Österreich, 2022–23


Auftraggeber:innen

NÖ Kulturwirtschaft GesmbH


Partner:innen

Christoph Gurk


Bildquellen, -referenzen und Inspiration für Collagen:                                           

The Florida Project, Sean Baker, 2017 (Filmstills)
Stefanie Schneider
Inszenierung „Faust in and Out“ (von E. Jelinek), Julia von Sell
Et al

WO IST DIE DISCO IN ST. PÖLTEN?

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Das Dach des Parkhauses am Hauptbahnhof

Der erste künstlerische Leiter der „Tangente – Festival für Gegenwartskultur“ hat uns gebeten ein Festivalzentrum als zentralen Anlauf- und Ausgangspunkt für sein Programm zu entwickeln, der nicht nur als Treffpunkt während des Festivals fungiert, sondern selbst zum Programmpunkt wird, indem es Inhalte rahmt, aufgreift, räumlich kontextualisiert und in Stadtraum und -gesellschaft weiterträgt – sodass über den Gesamtzeitraum des Festivals auch jenseits der auf dreimal zwei Wochen verdichteten Eventzeiträume, etwas eigenständiges erwachsen kann.

Diese Zusammenarbeit haben wir aber beendet, nachdem erst der künstlerischere Leiter selbst wegen unüberbrückbarer Differenzen mit der 90er-Jahre-Marketinggesellschaft, die das Festival finanziert ausgestiegen ist und auch wir im Anschluss von ebendieser massiv unter Druck gesetzt wurden – und zwar nicht nur, indem unsere künstlerische Freiheit, die uns zuvor zugesichert wurde, extrem eingeschränkt wurde, sondern auch mit dem Hinweis darauf, dass „politisch etwas anderes gewollt wird“. Dazu muss man wissen, dass in Niederösterreich – die Provinz, deren Landeshauptstadt St. Pölten ist – als allererstes und ohne jede Scham mit den Faschos von der FPÖ koaliert wurde. Und zwar genau im Zeitraum dieses fortschreitenden Zerwürfnisses.

Dafür sind wir selbstverständlich nicht zu haben. Das Konzept war und bleibt aber trotzdem gut, weshalb wir es hier nochmal veröffentlichen.

„IF YOU EVER GET CLOSE TO A HUMAN AND HUMAN BEHAVIORBE READY, BE READY TO GET CONFUSED AND MEET ME HERE AFTER.“
Björk
“WELL-REHEARSED THEORIES, LIKE THOSE RELATED TO CAPITAL OR NEOLIBERALISM CONTINUE TO SEND US TO THE SAME PLACES TO SEARCH FOR DANGERS WHILE OTHER CONCENTRATIONS OF AUTHORITARIAN POWER ESCAPE SCRUTINITY.“[…]„INFRASTRUCTURE SPACE IS A FORM, BUT NOT LIKE A BUILDING IS A FORM; IT IS AN UPDATING PLATFORM UNFOLDING IN TIME TO HANDLE NEW CIRCUMSTANCES, ENCODING THE RELATIONSHIPS BETWEEN BUILDINGS, OR DICTATING LOGISTICS. […] MCLUHAN’S MEME, TRANSPOSED TO INFRASTRUCTU
Keller Easterling

Ausgangspunkt

Basis für die Konzeption, Gestaltung und inhaltlichen Überlegungen für das Architekturkonzept sind die Ergebnisse aus dem gemeinsamen Workshop mit dem Tangente-Team im Mai 2022.

Idee & Herleitung

Dreh- und Angelpunkt für dieses Konzept ist ein Parkhaus, das stilistisch etwas deplatziert in St. Pölten, von außen vollkommen unscheinbar, etwa zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Betritt man die beiden oberen, insbesondere die oberste Etage dieses Parkdecks, befindet man sich plötzlich in einer Architektur, die in sich selbst gegenläufig zu sein scheint, durch extrem viele Neigungen und Gefälle der lang ausgeholten Auffahrt. Die Materialität des Parkdecks erinnert dabei wesentlich mehr an Amerika – Florida um genau zu sein – als an eine Kleinstadt in Niederösterreich. Farbe und Material erinnern atmosphärisch irgendwie an die Bildwelt von Stefanie Schneider.

Oder aber an den Film „The Florida Project“ von Sean Baker. Das ist für uns der atmosphärische Ausgangs- und Bezugspunkt. Ein Amerika mit abgeplatztem Lack, das als Sehnsuchtsort nicht mehr richtig taugt, bzw. eine Ort, dessen Wahrnehmung sich langsam verzerrt und verschiebt und der als Idee und Konzept langsam verblasst.

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Filmstill aus „The Florida Project“, von Sean Baker, 2017
YOU KNOW WHY THIS IS MY FAVORITE TREE? BECAUSE IT IS TIPPED OVER, BUT STILL GROWING.
Moonee, The Florida Project

Der Kippmoment ist das, was uns interessiert, nicht nur, weil das der Punkt ist, an dem die Tangente einen Kreis berührt, sondern auch, weil er uns als geeignete Metapher und inhaltliche Klammer erscheint, um die drei Schwerpunkte des Festivals zu fassen. Auf dem Parkdeck wollen wir einen Ort schaffen, der die Schrägheit, die dort baulich auf vielen Ebenen jetzt schon gegeben ist, verstärkt. Ein Parkhaus als ausgedienter Sehnsuchtsort an dem all die Dinge zusammenkommen, von denen wir jetzt sicher wissen, das sie sich von einem Zukunftsversprechen in ihr Gegenteil verkehrt haben: eine Architektur die eigentlich gebaut ist für Autos mit Verbrennermotoren – Symbol für die fossile Ausbeutung unseres Planeten, ein Statussymbol das einen verheerenden Status Quo anzeigt. Ein Parkhaus, das entfernt an Amerika erinnert – die U.S.A. – schöne neue Welt, eine Geschichte, die auch nicht mehr funktioniert. Neoliberalismus, die Konsumwelt, der Asphalt, die Wandfarbe, unsere Gegenwart…alles hat irgendwie einen Knacks, eine Schieflage. Viele sprechen von einer Zeitenwende. Ein Kippmoment. Vielleicht.

I DO THINK THAT OUR PERCEPTION OF REALITY IS FRAGMENTARY, AND IN 20TH-CENTURY LITERATURE, IT’S TOTALLY NORMAL TO NOT DESCRIBE REALITY AS SOMETHING WHOLE AND COMPLETELY TRANSPORTABLE AND EXPLICABLE. THAT’S BEEN ACCEPTED IN NOVELS. BUT GENRE FILMS ALWAYS PRETEND THAT REALITY IS TRANSPORTABLE, WHICH MEANS THAT IT IS EXPLICABLE.
Michael Haneke

Wir wollen auf dem Parkdeck eine Stimmung erzeugen, die anziehend ist, die vage Erinnerungen weckt, ungenau und ein bisschen verschwommen. Gleichzeitig, sollen sich Besuchende aber auch ein immer ein wenig deplatziert fühlen – auf dem Parkplatz und von dort aus vielleicht im Gesamtkontext, weil man immer ein bisschen damit konfrontiert ist, was für eine Welt wir uns da geschaffen haben und zu welchem Preis. Das Menschgemachte als Gruselfakter, aber anziehend, ein bisschen daneben, gut zu konsumieren und annehmbar pervers – wie ein Film von Lars von Trier. Entertainment, after all…

IRONY IS ABOUT CONTRADICTIONS THAT DO NOT RESOLVE INTO LARGER WHOLES, EVEN DIALECTICALLY, ABOUT THE TENSION OF HOLDING INCOMPATIBLE THINGS TOGETHER BECAUSE BOTH OR ALL ARE NECESSARY AND TRUE. IRONY IS ABOUT HUMOUR AN SERIOUS PLAY. […]
Donna Haraway

Das machen wir, indem wir gestalterisch immer mehrere Dinge gegeneinander laufen lassen und auf dem Parkdeck ausschließlich Funktionen versammeln, die dort nicht hingehören. So untergraben wir, neben den inszenatorischen und raumgebenden Faktoren, die im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen, die ursprüngliche Infrastruktur dieses semi-öffentlichen Ortes.

[Bis auf die oberen beiden Etagen kann das Parkhaus ansonsten die komplette Zeit über auch als solches genutzt werden]

Wir fokussieren uns auf zwei wesentliche Gestaltungselemente: Zum einen werden wir mit einer massiven Begrünung des Parkdecks arbeiten. Hier setzen wir zum einen auf tropische, (noch) eher untypische Pflanzenarten wie z.B. Palmen, Bananenstauden, Kiwi und unterschiedliche, sehr schnell sehr hochwachsende Bambussorten, um die Deplatzierung und die Florida-Referenz durch die Begrünung noch zu verstärken. Dem entgegen setzen wir Formen und Pflanzen der spießbürgerlichen Gartenkultur, wie Buchsbäume, symmetrische Hecken und scharfe Rasenkanten.

Das zweite raumbildende Kerngestaltungselement sollen Gewächshäuser sein und zwar idealerweise als Readymade gekauft, weil sie damit ein direkter Verweis auf die Warenwelt wären. In ihrer Form als abstrakte Replika von Satteldachhäusern schon seltsam. Auf einer symbolischen Ebene eignen sie sich außerdem gut als Referenz zur kritischen Hinterfragung des Kulturbegriffs im Anthropozän. Nach unserer Idee sollen die Gewächshäuser auf dem Festival ausschließlich von, bzw. für Menschen und deren Kultivierung und Bedürfnisse, wie z.B. Ernährung und Schlaf genutzt werden. Tatsächlich könnte mit der Verwendung von Gewächshäusern eine sehr kostengünstige Möglichkeit zur Übernachtung geschaffen werden…

Die Gewächshäuser bieten sich durch ihre einfache Konstruktion für eine modulare Bauweise an, sodass es einfach wäre, neben den Readymades, auch Sonderkonstruktionen für spezielle Bedarfe, wie Beispielsweise einen mobilen Community & Situation-Wagen, eine fahrbare Bar oder kleine Bühne oder Infostände oder Ticketbox oder…Mit Polycarbonatplatten und Aluminium System-Profilen lassen sich sehr günstig, schnell und selbst von Laien sehr stabile Konstruktionen mit hoher Genauigkeit und ästhetischer Qualität herstellen. Angedacht ist hier eine Zusammenarbeit in Form von Seminaren und einem Design Build Studio mit dem Studiengang Industriedesign der New Design University.

Sollten die Gewächshäuser nach dem Festival nicht nachgenutzt werden, sind sie sortenrein trenn- und recyclebar.

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SINGLE VISION PRODUCESWORSE ILLUSIONS THANDOUBLE VISION OR MANY-HEADED MONSTERS.
Donna Haraway

Nach unserem Verständnis, sollten in etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Grundfunktionen des Festivalzentrums mobil gedacht werden und sich flexibel durch den Stadtraum bewegen. Auch hier würden wir unterschiedliche Formen von Gewächshäusern nutzen, die so als Objekte eine klare Referenz auf das Festival wären und innerhalb kürzester Zeit einen Wiedererkennungswert schaffen. Neben einzelnen Festivalfunktionen, die in die Stadt ausgelagert werden könnten wie Infopoints – z:b. direkt am Bahnhof oder eine schwimmende Bühne im Sommer auf einem der Seen – soll es auch an bereits bestehenden Spielstätten und Institutionen, mit denen das Festival kooperiert Gewächshausinterventionen geben. So könnte zum Beispiel jeweils an den Eingangsbereich ein Gewächshaus angedockt werden. Auch hier gibt es schon eine praktikable Form als Readymade – das sog. Anlehngewächshaus:

Alle mobilen Einheiten sollen sich täglich durch die Stadt an ihre unterschiedlichen Orte bewegen und Abends wieder zurück zum Festival schwärmen. Auf diese Weise „atmet“ das Festival durch die Stadt und es entsteht eine zusätzliche Sichtbarkeit, die zusätzlich Publikum zieht und leitet.

In einem Bereich des Parkdecks wird ein großzügiges Technik- und Materiallager gebaut, das gleichzeitig Garage, bzw. Docking-Station für die mobilen Einheiten ist. Die gesamte Festivalinfrastruktur findet hier ihren Platz, wie Schubladen in einer Kommode. Zwischen den Peaks können hier auch die Aufbauten/Gewächshäuser etc. von den Parkdecks verstaut werden.

Neben dem Parkhaus, das trotz der langfristigen bzw. länger angelegten Begrünung in seiner Grundeigenschaft temporär und ephemer bleibt – ein Festivalzentrum eben… - möchten wir gerne einen zweiten Ort als Gegengewicht längerfristig und auch schon im Vorfeld zugänglich und nutzbar machen, vor allem für die Community-Arbeit von Ali und Magda: das verfallene Vereinsheim auf der Brachfläche zwischen, bzw. neben der Moschee, dem Kulturheim und der FH in der Nordstadt.

Hier würden wir in einem ersten Schritt die Umzäunung entfernen. Im Anschluss würden wir einen simplen Überbau – natürlich auch nach dem Gewächshausprinzip – über das Gebäude stülpen, sodass ein wettergeschützter Außenraum entsteht und prüfen, wie wir mit einfachen Mitteln die sanitären Anlagen und, falls vorhanden, die Küche nutzbar und zugänglich machen können. Vielleicht ein bisschen so, wie Gordon Matter Clarke…

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Funktionen
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